Menschen


I‘m sorry to say something so sad

Filme über die Flucht – das Projekt MEDIEN & MIGRATION NRW



“I‘m sorry to say something so sad.”, mit diesen Worten begann der Preisträger Maan Mouslli die Dankesrede.  Shakespeare in Zaatari heißt sein Film, der als beste non-professional Produktion bei dem Projekt MEDIEN & MIGRATION NRW in Köln ausgezeichnet wurde.  Mouslli  begleitet darin syrische Flüchtlingskinder in einem jordanischen Lager, er zeigt ihre überwältigende Freude am Spiel und ihre großen Emotionen. Wie in „Hamlet“ oder in „King Lear“, wo ein Mädchen die Todesbotschaft geradezu herausschreit. „Dieses Kind weiß mehr über Trauer, Bitterkeit und Tod als es in seinem Alter wissen sollte“,  kommentierte Jürgen Hein, Abteilungsleiter Europa, Internationale Angelegenheiten und Medien in der Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen,  der für das Land NRW an der Preisverleihung im Rahmen des Filmfestivals Köln teilnahm.

Maan Mouslli, der inzwischen in Osnabrück lebt, widmete seinen Preis folgerichtig den Kindern in Syrien, den Kindern in Aleppo, den Kindern in den Flüchtlingslagern, die um ihre Kindheit  wenn nicht um ihr Leben gebracht werden.

Der Filmemacher war wie andere Geflüchtete aus Syrien und Afghanistan  auch Teilnehmer eines Workshops, der im Rahmen von MEDIEN & MIGRATION NRW stattfand. Hier arbeite Mouslli  zusammen mit  Protagonisten  des zweiten preisgekrönten Films „My Escape“. Diese Co-Produktion von WDR, Deutscher Welle und den Berlin Producers wurde als „Bester Film Professional“ prämiert. Die Dokumentation montiert Smartphone-Aufnahmen, die auf der Flucht aus Syrien, Afghanistan oder Afrika entstanden sind. Die Brutalität der Schlepper, die endlosen Fußmärsche, lebensgefährliche Schlauchboot-Überfahrten, die Erschöpfung und die verzweifelte Hoffnung – all das wird aus der Perspektive der Flüchtenden erzählt, die ihre eigenen Aufnahmen, nach der geglückten Flucht, auch kommentieren.

Die Aufnahmen werden so zum Instrument, nicht nur die Erfahrungen festzuhalten sondern das  Unfassbare einzuordnen. „Dichter, authentischer und dokumentarischer geht Teilhabe am Leben anderer Menschen nicht.“, urteilte die Jury. Es überrascht nicht, dass einige der Hauptpersonen in ihren Heimatländern bereits als Journalisten oder Künstler gearbeitet haben.

Rahmat Haidari (mit Kamera), Maan Mouslli (im Hintergrund)
und Franz-Josef Lersch-Mense, Minister des Landes NRW
(mit grüner Mappe)

„Die Bereitschaft und der Wille vieler Flüchtlinge ihre berufliche Erfahrung weiter zu nutzen und entwickeln zu können, ist sehr stark.“, erläuterte Franz-Josef Lersch-Mense, Minister für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien das Engagement des Landes, “Für NRW als maßgeblicher Standort der Medien- , Kreativ- und Digitalwirtschaft ist es aber ebenso ein wichtiges Anliegen, die Integration von geflüchteten Menschen aus Medienberufen zu unterstützen.“ Das Land förderte deshalb das Projekt, gemeinsam mit der ifs internationalen filmschule, dem WDR und den MMC Studios.

Zu den geflüchteten Medienprofis, die auch Aufnahmen für „My Escape“  zur Verfügung gestellt haben, gehört etwa Rahmat Haidari, ein afghanischer Journalist und Filmemacher. Für Rahmat Haidari ist es nicht der erste Preis in seiner beruflichen Laufbahn. 2013 wurde schon seine Dokumentation über afghanische Dichterinnen "The Broken Destiny of Poetry" beim 2.  Afghanistan Human Rights Film Festival ausgezeichnet.

Omar Alsawadi, Material aus „My Escape“

Auch der syrische Student Omar Alsawadi hat Aufnahmen für „My Escape“ beigesteuert und arbeitete vor seiner Flucht für eine News-Plattform, die nach Kriegsbeginn aus der syrischen Stadt Deir ezzor  berichtete. 

Die Filme, an denen Moussli, Haidari und Alsawadi im Rahmen des Workshops, der in der internationalen filmschule  durchgeführt wurde,  mitgearbeitet haben, kreisen ebenso um ihre Heimat wie das Ankommen in einer so fremden Umgebung. In „Survivor“ montierten sie  deutsche Straßenszenen mit  Aufnahmen aus dem Bürgerkriegsland Syrien, wo  die Antwort „I’m ok.“ bedeutet: „Ich lebe noch.“.  Die zweite Arbeit „The monsters are we“ setzt sich mit den verzerrten Bildern  und Projektionen auseinander, die das Bild vom Flüchtling in der Öffentlichkeit mit prägen.

Auch diese Filme wurden im Rahmen der Preisverleihung gezeigt und stießen auf großes Interesse. „Besonders beeindruckend fand ich die Ergebnisse des Workshops.“, erklärte so Jürgen Hein, „Die beiden Filme hätten kaum unterschiedlicher sein können: Einmal das Trauma von Krieg und Flucht und die Probleme beim Ankommen, mit dokumentarischen Bildern und krassem Tempowechsel. Und im anderen Film werden unsere Stereotype entlarvt, indem Flüchtlinge die Vorurteile, denen sie begegnen, in der Ich-Form aussprechen und damit karikieren. Wirklich toll, was da in wenigen Tagen konzipiert, gedreht und geschnitten wurde. Und – zusammen mit den drei prämierten Filmen – ein guter Grund, eine Fortsetzung im nächsten Jahr anzudenken.“

Den Ansatz der konkreten Hilfe geht die dritte Produktion, die bei „MEDIEN & MIGRATION NRW“ als das „Beste Engagement einer Initiative“ ausgezeichnet wurde. Mit „Die Anhörung >Asyl in Deutschland<“ geben der Kölner Flüchtlingsrat und Kölner Produzentinnen praktische Hilfestellung. Wie läuft ein Asylverfahren überhaupt ab, worauf müssen die  Geflüchteten  achten, wie wird entschieden, welche Rechte haben sie, darüber wird informiert? Darüber informiert der Animationsfilm  und zwar im besten Sinne anschaulich.  Hier würden „Stilelemente wie Zeichentrick, Comic und Cartoon“, die aus dem Entertainment bekannt seien, „auf grausame Inhalte wie Krieg, Flucht und Vertreibung“ übertragen, stellte die Jury fest.  Der Film liegt inzwischen in 18 Sprachen vor und  wurde bisher 150.000 Mal abgerufen. Inzwischen wird er sogar  in Flüchtlingsunterkünfte eingesetzt, um das Verfahren zu erläutern, berichteten die Preisträger.

Das Gesamt-Projekt MEDIEN & MIGRATION NRW  will geflüchteten Medienschaffenden die Chance eröffnen, beruflich Fuß zu fassen. Und alle Beteiligten hoffen, dass das Projekt 2016 zum ersten, aber nicht zum letzten Mal stattfand.  Die berufliche Integration von geflüchteten Medienschaffenden ist eine Aufgabe, der sich auch die Medien-Branche offenbar mit großem Interesse und Empathie zugewandt hat.

Anne Schulz


Stimmen zum Projekt:

Maan Moussli

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Rahmat Haidari

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Omar Alsawadi

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Till Stein

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