Menschen


„Wir leben in einer mediatisierten Welt.“

Mechthild Appelhoff
Mechthild Appelhoff

Interview mit Mechthild Appelhoff, Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM)


www.lfm-nrw.de

Netzwerkarbeit Medienkompetenz NRW
http://www.lfm-nrw.de/medi...

 


Innerhalb der LfM leiten Sie den Bereich "Medienkompetenz und Bürgermedien". Wo liegen im Moment besonders wichtige Schwerpunkte?

MECHTHILD APPELHOFF: Auch wenn der Begriff der Medienkompetenz für viele schon antiquiert wirkt – das Thema ist wichtiger denn je. Die Medien üben einen enormen Einfluss auf nahezu alle Lebensbereiche aus. Das Stichwort lautet "Mediatisierung". Es gibt kaum (noch) Lebensbereiche, die frei von medialen Einflüssen sind. Und daraus ergibt sich für jeden Einzelnen die Herausforderung, diese Medien möglichst kompetent zu nutzen. Das gilt für Kinder und Jugendliche, aber auch für Erwachsene. Es gilt für alle.

Im täglichen Leben müssen Bürgerinnen und Bürger wissen, wie nutze ich etwas, wie kann ich Medien beurteilen?
»Medienkompetenz ist wichtiger denn je!«
»Medienkompetenz ist wichtiger denn je!«

Ja!  Wie nutze ich Medien. Und: Was machen die Medien mit mir? Wie schlagen sie sich in meinen Entscheidungsprozessen nieder, ohne dass ich es bewusst wahrnehme? Welche Themen werden von den Medien gesetzt? Über Facebook, Hörfunk, Fernsehen? Dieses „Agenda-Setting“ ist nicht neu. Doch die Wirkung heutiger Medien geht weiter. Wenn ich an Amazon bestimmte Interessen über mein Kaufverhalten kommuniziert habe, erhalte ich immer wieder Informationen zu genau diesen Interessen. Google merkt sich unser Suchverhalten, um uns genau die Treffer zuzuschicken, die unseren Einstellungen entsprechen. Grundsätzlich ist das im Sinne der Nutzer. Doch ist uns dies bewusst? Was bedeutet dies für die Chance, auf Informationen zu stoßen, die im Widerspruch zu meinen Interessen und Einstellungen stehen, die mich dazu zwingen, neu nachzudenken? In welcher Weise werden meine Daten genutzt?

Durch diese Empfehlungen ergibt sich ein Filter?

In gewisser Weise. Und grundsätzlich auch ganz im Sinne des Nutzers. Denn er findet schnell, was er sucht. Aber es gibt eben auch Nachteile, wenn dieses „Filtern“ dem Nutzer nicht bewusst ist und ggf. eine ungewollte Beeinflussung stattfindet. Dieses Beispiel macht deutlich, wie wichtig es ist, dass man nicht nur die technische Oberfläche eines Medienangebots versteht, sondern eben auch die Funktionen, die darunter liegen.

Und die Bedeutung der Medienkompetenz wird größer, weil die Mediatisierung, die Durchdringung des täglichen Lebens durch Medien wächst?

Mediatisierung kann ein Nachteil und ein großer Vorteil sein.

Die Mediatisierung kann ein Nachteil und ein großer Vorteil sein. Wir hatten noch nie so optimale Möglichkeiten, zu kommunizieren. Jeder kann veröffentlichen, was er über politische Themen denkt. Es gibt enorme Chancen. Aber es muss gelingen, im Kommunikationsprozess Subjekt zu bleiben und nicht zum Objekt zu werden! Das hängt vom eigenen Verhalten und von der eigenen Kompetenz ab. Ich muss verstehen, wie ich mir das, was die Medien bieten, zunutze machen kann. Der Grundsatz ist: Wie vermeide ich Gefahren bzw. Probleme und wie nutze ich die Potenziale? Der Schlüssel für all dies ist die Kompetenz und die muss man erlernen. Sie ist nicht einfach da. Deshalb ist für mich eines der zentralen Themen, dass wir jedem Bürger vermitteln möchten, dass Medienkompetenz mehr ist, als technische Bedienkompetenz, dass Medienkompetenz mehr ist, als kurz etwas bei Google nachzuschauen.

Es geht nicht nur darum, auf Knöpfe zu drücken?

Nein. Wir müssen Problembewusstsein und Lernbereitschaft schaffen. Wirkungsmechanismen erkennen.

Die Produkte und Projekte entwickeln sich, da brauche ich immer wieder neue Kompetenzen?

Da sich die Medien und ihre Angebote in kurzen Innovationszyklen ständig weiterentwickeln, sind wir in einem dauerhaften Lernprozess, wie wir diese Medien in unseren Alltag kompetent integrieren. Damit wir „Herr des Verfahrens“ bleiben. Ich finde wichtig, dass man sich nicht zu früh zu sicher fühlt. Dass man die Bereitschaft erhält, die Angebote zu hinterfragen. Kritische Neugierde ist sinnvoll.

Gesunde Skepsis?

Ja!  Das Thema Datenschutz ist sicherlich nur eines, um dies zu verdeutlichen.

Ist Medienkompetenz als berufliche Schlüsselqualifikation schon breit akzeptiert?
»Wir müssen Problembewusstsein und Lernbereitschaft schaffen!«
»Wir müssen Problembewusstsein und Lernbereitschaft schaffen!«

Insgesamt kann ich das nicht beurteilen. Was wir wissen ist, dass die Medienkompetenz in der Ausbildung von Pädagogen, bei Lehrern, Erziehern, Sozialarbeitern noch nicht ausreichend verankert ist. Wir haben im Frühjahr 2013 eine Studie herausgegeben zur Medienkompetenz in der Grundschule.

Diese Studie hat bspw. nochmals belegt, dass viel zu viele neu ausgebildete Lehrer das Thema Medienkompetenz in ihrer universitären Ausbildung nicht ausreichend erlernt haben. Das geht nicht.

Medienkompetenz muss eine Standardposition werden? Es wäre ein notwendiger Baustein für alle, die pädagogisch tätig sind, vom Kindergarten bis zur Erwachsenenbildung?

Auf jeden Fall. Die Initiative "Keine Bildung ohne Medien" erhebt genau diese Forderung: dass es keinen pädagogischen Beruf ohne Grundlagen in der Medienkompetenz-Qualifikation geben darf.

Die LfM fördert Bürgermedien. Ist das Ziel, Qualifikationen für Medienberufe zu vermitteln? Oder geht es darum, dass Bürgerinnen und Bürgern die Funktionsweise von Medien intensiver kennenlernen?

Die Bürgermedien haben einen ganz eigenständigen Stellenwert. Über den Bürgerfunk und das Bürgerfernsehen wird Bürgern die Möglichkeit geboten, sich so zu qualifizieren, dass sie Fernseh- oder Hörfunkbeiträge produzieren können. Doch die reine Produktionskompetenz ist nicht der Grund, warum die LfM die Bürgermedien fördert! Sie ist Mittel zum Zweck. Mit der Förderung der Bürgermedien möchten wir Partizipationspotenziale fördern. Wenn das, was öffentlich in der Gesellschaft wahrgenommen wird, in der Regel über Medien kommuniziert wird, müssen auch Bürger auf diese Medien zugreifen können. Damit die Bürger ihre Einschätzungen über gesellschaftliche Entwicklungen öffentlich wahrnehmbar machen können, möchten wir die Bürger so qualifizieren, dass die Beiträge, die sie produzieren und publizieren, so gut sind, dass sie auch eine Chance auf Rezeption haben.

Damit die Beiträge Stand halten?

Über Bürgermedien wird Partizipation gefördert.

Ja, damit man nicht weghört, sondern hinhört! Wir möchten Bürgern die Voraussetzungen hierfür zur Verfügung stellen. Beim Bürgerfunk sind es die lokalen Hörfunkprogramme. Beim Bürgerfernsehen ist es nrwision. Der wesentliche Unterschied ist: Bei der praktischen Medienkompetenzarbeit gilt das Prinzip "Der Weg ist das Ziel". Kinder oder Jugendliche arbeiten mit Medien, lernen etwas dabei und wissen am Ende eines Projektes immer mehr als vorher. Egal, wie das Produkt am Ende aussieht oder ob ein Produkt überhaupt zustande kommt. Bei den Bürgermedien ist das Produkt, die Ausstrahlung des Beitrags das Ziel! Über Bürgermedien wird Partizipation gefördert. Wenn junge Menschen, das, was sie praktisch erlernen, darüber hinaus für ihre berufliche Ausbildung nutzen können, ist es wunderbar und sinnvoll. Aber es ist nicht unser prioritäres Anliegen.

Es geht nicht um "Wie funktioniert ein Selbstfahrerstudio?", sondern um Demokratie?

Ja, deshalb folgen wir bei der Förderung der Bürgermedien unserem Leitbild „Partizipation und Demokratiekompetenz“.

Im Feld der Medienpädagogik gibt es einige wenige Studiengänge. Würden Sie sich wünschen, dass die Medienpädagogik in allen pädagogischen Studiengängen stärker betont wird, dass es mehr spezialisierte Medienpädagogikstudiengänge gäbe?

Wir brauchen im hohen Maße Medienpädagogen! Und zwar Medienpädagogen, die sich angesichts der rasanten Entwicklung der Medien immer wieder weiter qualifizieren. Die größte Herausforderung aber ist, gerade diejenigen, die keine Medienpädagogen sind, aber mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen arbeiten, so zu qualifizieren, dass auch sie Medienwissen vermitteln können. Medienwissen muss orts- und lebensnah, aus der Situation heraus, vermittelt werden können. Wenn ein medienbezogenes Problem da ist, muss es direkt aufgegriffen werden: In der Jugendarbeit, beim Schulpsychologen etc. Oft können Medien auch hilfreich sein, in der jeweiligen pädagogischen Situation, zum Beispiel um Zugänge zu schaffen. Nur wenn Medienkompetenz im pädagogischen Alltag ankommt, können wir in der Breite und nachhaltig wirksam werden.

Es geht nicht darum, dass ein Medienpädagoge mal ein Projekt an der Schule macht und dann ist er wieder weg? Sondern es muss im gesamten Unterricht aufgegriffen werden?

Ja, das wäre sinnvoll. Es gibt im Unterricht vielfältige Anlässe. Für Medienpädagogen bleibt die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ein wesentlicher Bestandteil ihrer Arbeit. Wichtig ist es jedoch auch, dass wir Wege finden, um es zu ermöglichen, dass sie ihr Kernwissen an Multiplikatoren vermitteln.

Medienpädagogik ist dann Netzwerkarbeit?

Wir haben als Querschnittsprojekt die „Netzwerkarbeit Medienkompetenz NRW" aufgebaut. Wir möchten mit unterschiedlichsten Verbänden institutionell kooperieren. Nicht nur mit denen, die im klassischen medienpädagogischen Bereich aktiv sind, sondern auch mit allen, bei denen das Thema Medien eine Rolle in ihrer Arbeit spielt. Wir haben zum Beispiel eine Kooperationsvereinbarung mit dem Kinderschutzbund NRW und bieten den Mitarbeitern der kommunalen Geschäftsstellen an, sich in Medienfragen zu qualifizieren. Wir haben weitere Kooperationsvereinbarungen, etwa mit den Kommunalen Integrationszentren (ehemals RAA). Diese haben das wunderbare Projekt Rucksack KiTa. Da geht es z. B. originär um Sprachförderung und wir haben mit unserem Medien-Kernwissen und dem interkulturellen Kernwissen der Kollegen ein Modul entwickelt, das Medienkompetenz und Sprachförderung vereint. Auf diese Weise haben wir die Chance, mit unseren Medienthemen Zielgruppen zu erreichen, die wir mit Einzelprojekten nie hätten erreichen können. Wir müssen uns gegenseitig qualifizieren, viel stärker vernetzt denken. Wir können nicht immer alles in einem klassischen Medienprojekt vermitteln. Manchmal erreichen wir mehr, wenn wir Medienthemen in die Arbeit Dritter integrieren, weil es dann aus der Lebenssituation heraus thematisiert wird.

Und die LfM übernimmt die Fachrolle bei dieser gesellschaftlichen Aufgabe?

Als LfM sind wir die Institution, die das aktuelle Wissen über Medien, über die positiven und problematischen Entwicklungen möglichst kurzfristig, am besten sogar pro aktiv, erfassen möchte. Das ist unser zentrales Anliegen: Frühzeitig zu wissen, was passiert.

Die aktuellen Entwicklungen werden durch Studien aufbereitet?

Genau. Wir nutzen Forschungsprojekte, um fundiert auf Probleme reagieren zu können. Wir müssen die aktuellen Entwicklungen in den Medien kennen. Wir müssen wissen, was auf der technischen Ebene geschieht und wie Menschen darauf reagieren. Und dann muss es uns gelingen, dieses Wissen über ein Netzwerk von Projekten – und zwar möglichst zielgruppengerecht – schnell in die Breite zu vermitteln. Das haben wir in den letzten Jahren kontinuierlich aufgebaut, über unsere Medienkompetenzprojekte, die wir und mit Hilfe unserer Netzwerkpartnerdurchführen.

Wenn jemand genau in diesem analytischen, medienpädagogischen Bereich arbeiten will, welches Studium bietet sich da an?

Das ist eines unserer zentralen Anliegen: Frühzeitig zu wissen, was passiert!

Da gibt es nicht einen festgeschriebenen Weg. Eine Möglichkeit wäre ein Medienpädagogik-Studiengang. Sie können aber auch ein Studium der Kommunikations-/Medienwissenschaften oder ein Pädagogik-Studium wählen. Dreh- und Angelpunkt ist, Spaß an den Medien zu haben und sich einen analytischen Schwerpunkt aufzubauen.

Das hört sich interdisziplinär an.

Unsere Forschungsprojekte sind oft sehr interdisziplinär angelegt. Dort werden juristische, soziologische, kommunikationswissenschaftliche, teilweise psychologische und pädagogische Elemente zusammengeführt. Das ist nicht immer leicht, weil die Disziplinen natürlich ihre je eigene Sprache, ihre jeweils eigenen Methoden haben. Dieser Herausforderung müssen sich die Wissenschaftler zunehmend stellen. Eine einzelne wissenschaftliche Perspektive reicht oft nicht mehr, um die Komplexität der Medien zu erfassen.

Wo sehen Sie zukünftig Forschungsbedarf?

Wenn die Aussage richtig ist, dass wir in einer zunehmend mediatisierten Welt leben, stellen sich natürlich immer wieder die Fragen: Welche Teilgesellschaften werden wie durch diese Mediatisierung beeinflusst? Wie kann der Wandel durch Mediatisierung für die Gesellschaft positiv gestaltet werden? Wie gestalten sich die Interessenskonflikte zwischen Wirtschaft und Gesellschaft? Die Forschung ist mit ihrer Analyse von großer Bedeutung, etwa bei der Technikfolgenabschätzung. Kurzfristig müssen wir sicherstellen, dass die Studienordnungen in der Ausbildung von Lehrern, Erziehern, Sozialarbeitern generell so geändert werden, dass Medienkompetenz überall integriert wird.

Damit man nicht mehr am Thema vorbeikommt?

Medienkompetenz in der pädagogischen Ausbildung ist ein absolutes Muss. Da müssen an den Hochschulen die Studienverordnungen entsprechend ausgestaltet werden, es müssen Strukturen geschaffen werden.

Wird die LfM den Bereich Medienkompetenz und Bürgermedien zukünftig ausbauen? 

Die Herausforderung ist, dass wir uns immer wieder so aufstellen, dass wir in der Lage sind, möglichst effektiv zu arbeiten und die aktuellen Entwicklungen der Medien pro aktiv aufgreifen und dabei mit möglichst vielen Partnerinstitutionen zusammenarbeiten. Auf jeden Fall würde ich mir wünschen, dass wir bei und mit den Partnerinstitutionen wachsen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte  Anne Schulz für die Redaktion von Medienkarriere.NRW.


Zur Person

Mechthild Appelhoff
Leiterin des Bereichs Medienkompetenz und Bürgermedien und Mitglied der Geschäftsleitung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM)

Studium: Magisterstudium der Germanistik, Publizistik und Politologie

Was lieben Sie an Ihrem Beruf?

Die Vielseitigkeit, die Kreativität. Es gibt wenig Routine. Ich arbeite viel mit Menschen zusammen. Menschen und Institutionen zu vernetzen, um gemeinsam etwas zu entwickeln, finde ich spannend. Ich mag Medien und ihre Produkte und bin immer wieder neugierig, wenn es um die Frage von relevanten Forschungsthemen geht.

Was schieben Sie auch mal vor sich her?

Manche Dinge schiebe ich bestimmt vor mich her und die Kollegen, die das lesen, werden wissen, welche.

Haben Sie hier einen Lieblingsort in NRW?

Ich lebe in Düsseldorf und mag die Stadt.

Wenn jetzt jemand in diesen Bereich Medienpädagogik, Medienforschung einsteigen will, was sollte sie oder er mitbringen?

Ein umfassendes Wissen über Medien. Die Kompetenz, so zu kommunizieren, dass man das Wissen an Dritte vermitteln kann. Offenheit, um sich immer wieder auf neue Themen und Strukturen einzulassen.

Was braucht man langfristig?

Das Gleiche. Und Geduld.

Wenn Sie morgen früh aufwachen würden und wären Bildungsministerin in NRW, was wäre Ihre erste Amtshandlung?

Als Bildungsministerin würde ich einfordern, dass Medienkompetenz in die Berufsausbildung aller Berufe im pädagogischen Themenfeld integriert wird.

Wenn Sie auf ein Medienprodukt verzichten müssten, worauf könnten Sie am leichtesten verzichten?

Auf keins.

Und worauf könnten Sie am schwersten verzichten?

Aufs Internet. Das Internet bietet mir alles, Print, Radio, Audio und TV….

Wenn Sie einen anderen Beruf ausprobieren dürften als den, den Sie jetzt ausüben, welcher wäre das dann?

Das ist eine spannende Frage. Vielleicht Betriebswirtschaft oder Jura. Ja, ich glaube: Jurist. Ich werde oft konfrontiert mit der Fragestellung, ob etwas juristisch möglich ist oder nicht? Und da wäre ich gerne mal auf der Seite derjenigen, die das entscheiden!

Vielen Dank!