Menschen


Gestaltung im Alltag

Foto: Manuel Kniepe

Gespräch mit Simone Fahrenhorst, Service Designerin und Preisträgerin beim Kölner Designpreis



Mit ProMemo haben Sie Ihr Studium an der KISD, der Köln International School of Design an der TH Köln, abgeschlossen?

Fahrenhorst: Ja, das Projekt ProMemo war meine Bachelor-Arbeit in den Lehrgebieten »Service Design« und »Typografie & Layout«.

Bei ProMemo geht es um den Umgang mit Demenz. Wie haben Sie sich in das Thema eingearbeitet?

Die räumliche Orientierung ist nur ein Problem unter vielen ist. Es geht häufig um die Alltagsgestaltung.

Fahrenhorst: Bevor wir an der KISD unsere Bachelor-Arbeit schreiben, reichen wir zwei „Proposals“ ein. Das sind theoretische Auseinandersetzungen über Themen, die unsere Bachelor-Arbeit werden könnten. Einer meiner beiden Proposals war: Demenz und Orientierung. Ich habe mich gefragt, wie sich Menschen mit Alzheimer-Demenz im Raum orientieren, wenn sie Gegenstände nicht mehr erkennen können. Bei der Recherche habe ich festgestellt, dass die räumliche Orientierung nur ein Problem unter vielen ist. Es geht häufig vielmehr um die Alltagsgestaltung. Und bei dieser rücken die Angehörigen plötzlich in den Mittelpunkt – das hat sich aber erst im Arbeitsprozess entwickelt. Ich habe Interviews mit Betroffenen, Angehörigen und Ärzten geführt, im Altenheim mit den Pflegerinnen gearbeitet, Studien gelesen. Dabei wurde deutlich, dass der Leidensdruck der Angehörigen und ihre psychische Belastung sogar so hoch sind, dass sie tendenziell häufiger an chronischen Erkrankungen leiden.

Der erste Hilfe-Koffer sieht nicht nur schön aus, Sie haben sehr plastische bildliche Umsetzungen gefunden. Wie sind diese Symbole entstanden?

Fahrenhorst: Zunächst habe ich einen Prototypen gebaut und mit einer Angehörigen getestet: Wie ist die Funktionalität? Sind die Inhalte verständlich? Welche Gestaltung wird als adäquat empfunden? Dabei habe ich auch die typischen Alzheimer-Broschüren untersucht. Das Ergebnis war, dass die Gestaltung nicht transportieren sollte: das hier ist ein schweres, ein schreckliches Thema! Die Gestaltung sollte locker und leicht sein, ohne aber ins kindlich-naive zu verfallen. Auf dieser Grundlage habe ich das Fotokonzept entwickelt. Es basiert auf einem typischen Symptom für Alzheimer-Demenz: Gegenstände werden erkannt, aber ihre Bedeutung und ihr Kontext nicht mehr verstanden. Ich habe also Alltagsobjekte benutzt, die jeder Mensch kennt, und diese Alltagsgegenstände auch aus ihrem Kontext genommen. So ist in Anlehnung an die Alzheimer-Demenz eine treffende Form der Visualisierung entstanden.

Die Darstellungen vermitteln nicht den ernsthaft erhobenen Zeigefinger sondern sogar eine gewisse Komik. Steckt diese Komik im Pflege-Alltag?

Fahrenhorst: Es gibt immer wieder Situationen, die auf Außenstehende komisch wirken. Es geschehen einfach verrückte Dinge. Verrückt im Sinne von: als wäre etwas im Gehirn „ver- rückt“, also aus der Bahn geraten. Für die Menschen mit Demenz ist es aber selbstverständlich ernst. Und trotzdem: Wie bei jeder chronischen Krankheit möchten die Betroffenen nicht ständig daran erinnert werden, dass sie krank sind. Im Gegenteil, es geht darum zu sagen: „Ok, es ist so, wie es ist. Wir müssen damit umgehen, wir müssen diese Phase aktiv gestalten!“

Vor dem Design-Studium haben Sie ein Jahr Psychologie studiert. Kam Ihnen das zugute?

Mir fehlte im Psychologie-Studium der praktische Ausdruck, deshalb habe ich mich an der KISD beworben.

Fahrenhorst: Nach meinem Abitur hatte ich mich zunächst für Psychologie-Studium eingeschrieben, weil ich die Interaktion zwischen Menschen interessant fand und verstehen wollte, wie Beziehungen zwischen Menschen funktionieren. Dennoch habe ich im Psychologie-Studium nur die Grundlagen kennen gelernt, daher denke ich nicht, dass es einen großen Einfluss hatte. Mir fehlte im Psychologie-Studium der praktische Ausdruck, deshalb habe ich mich an der KISD beworben. Dort wird viel Wert auf ausgiebige Recherche gelegt, es wird sehr fundiert wissenschaftlich gearbeitet, um den Benutzer zu verstehen. Aber gleichzeitig ist das Studium praxisnah, wir arbeiten fast nur in Projekten mit Kooperations-Partnern aus der Wirtschaft.

Welche Schwerpunkte fanden Sie beim Design-Studium besonders interessant?

Es ist eine Stärke der Lehre an der KISD, dass man generalistisch ausgebildet wird und eben nicht fachspezifisch.

Fahrenhorst: Zu Beginn des Studiums an der KISD wusste ich nicht, welchen Design-Schwerpunkt ich am interessantesten finden soll. Das ist eine Stärke der Lehre an der KISD, dass man generalistisch ausgebildet wird und eben nicht fachspezifisch. Man muss während des gesamten Studiums 10 von insgesamt 12 Lehrgebieten abdecken. So macht man zum Beispiel ein Projekt in Produktdesign, eins in Audiovisuellen Medien oder in Designtheorie und -Forschung usw. Im Verlauf der vier Jahre hat sich ergeben, dass ich immer tiefer in das Lehrgebiet Service Design eingetaucht bin – aber ohne dass ich das zu Beginn meines Studiums gewusst oder geplant hätte. Und dann schreibe ich meine Bachelor-Arbeit im Bereich Service Design und werde schließlich als Service Designerin in einer Service Design Agentur angestellt.

Was ist überhaupt Service Design? Und welche Aufgabe übernehmen Sie dabei?

Wir machen User Research: wir begleiten Menschen, die in der jeweiligen Benutzung oder Situation eine Rolle spielen.

Fahrenhorst: Bei Design wird häufig sofort an das Entwerfen von Produkten gedacht. Es gibt allerdings viele Produkte, die ohne einen entsprechenden Service sinn- oder nutzlos wären, denken wir zum Beispiel an Mobiltelefone. Das Telefon, das Produkt also, ist hier nur die Schnittstelle zu einem Service, der es uns ermöglicht miteinander zu kommunizieren. Im Service Design geht es eben darum, derartige Services zu entwickeln und zu gestalten indem der Gebrauch von Gegenständen aus Nutzerperspektive ganzheitlich betrachtet und hinterfragt wird. Dazu machen wir viel User Research: wir befragen, beobachten, begleiten Menschen, die in der jeweiligen Benutzung oder Situation eine Rolle spielen um schließlich mit ihnen Konzepte zu erarbeiten. Gerade dieser Umgang mit den Nutzern ist eine Aufgabe, die mir besonders Spaß macht.

Bei dem Projekt ProMemo gibt es einen Blog, in dem Sie beschreiben, was Sie mit den Patienten erlebt haben. Sie beobachten die Menschen, nehmen sich Zeit, lassen sich auf die Situation ein. Wäre das ein idealtypischer Prozess?

Fahrenhorst: Als ich das Projekt begonnen habe, bin ich erst mal in das Feld eingetaucht. Ich habe im Altenheim ein Praktikum gemacht, um Menschen mit Alzheimer-Demenz besser zu verstehen. Da ging es noch nicht um eine konkrete Idee oder ein Produkt – was recht typisch für Service Design Prozesse ist: Man weiß zu Beginn nicht genau, was am Ende heraus kommen wird. Man lässt sich vom Feedback und den Erfahrungen tragen. Ich wusste zu Beginn, dass es Handlungsbedarf gibt, was die häusliche Pflege von Menschen mit Alzheimer-Demenz betrifft. Aber ich wusste nicht, dass ich am Ende ProMemo gestalten werde. Dann habe ich angefangen zu recherchieren und habe mich von dem tragen lassen, was ich herausgefunden habe.

Wie geht es jetzt weiter mit dem Koffer? Was sollte idealerweise passieren?

Fahrenhorst: Idealerweise würde es eine Institution geben, die sich mit Alzheimer-Demenz, beschäftigt und Interesse daran hat, mit mir den Koffer zur Marktreife weiter zu entwickeln. Man würde weiter testen, die Box überarbeiten und Vertriebskanäle prüfen. Ich würde auch gerne einen digitalen Demenzbegleiter entwickeln. Alles was es jetzt analog und zum Anfassen gibt, soll es auch in einer digitalen Form geben.

Und wie sehen Ihre persönlichen Pläne nach dem Bachelor aus? Genießen Sie, jetzt Berufspraxis zu sammeln?

Wenn ich in zwei, drei Jahren Berufserfahrung gesammelt habe, möchte ich dann ganz gezielt meinen Master machen.

Fahrenhorst: Ich finde es momentan sehr schön, in konkreten Projekten zu arbeiten! Das Studium an der KISD ist sehr projekt- und praxisgeprägt. Aber dennoch ist es etwas anderes, im wirklichen Leben mit tatsächlichen Kunden zu arbeiten. Das möchte ich jetzt tun. Durchaus mit der Frage, welche Skills ich noch brauchen könnte. Wenn ich in zwei, drei Jahren Berufserfahrung gesammelt habe, möchte ich dann ganz gezielt meinen Master machen.

Bei der Kölner Ausstellung fällt auf, dass sich viele Projekte mit sozialen, ökologischen Themen auseinander setzen. Ist das Köln-spezifisch oder ein neuer Trend im Design? Will man nicht nur schöne Dinge produzieren sondern sich auch mit gesellschaftlichen Fragen auseinander setzten?

Es geht um unser ganz normales Umfeld, um die Fragen und Probleme, die Menschen im Alltag haben.

Fahrenhorst: Ich glaube, dass das im Design allgemein passiert. Es gibt viele Agenturen, die inzwischen zum Beispiel eigene Departments für Gesundheitsthemen aufbauen. Das ist ein Zeichen dafür, dass es bei Gestaltung oder Design nicht nur „Hübsch-Machen“ sondern um Alltagsgestaltung geht. Es geht um unser ganz normales Umfeld, um die Fragen und Probleme, die Menschen im Alltag haben. Und dann ist man ganz schnell bei sozialen, gesellschaftlich relevanten Themen. Ich mag daher auch das Wort Gestaltung sehr viel lieber als das Wort Design. Wenn ich jemanden frage, wie er oder sie den Tag „gestaltet“, wird schnell klar, dass es nicht nur darum geht, etwas hübsch zu machen. Es geht vielmehr um strategische, planerische Prozesse. Und genau das kann Gestaltung leisten!

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Anne Schulz, Medienkarriere.NRW


Design für gesellschaftliche Fragen

Was haben Fotos von Fußballfans, die Anmut der Kindheit, Email-Objekte mit recycelten Materialen,  Barriere-freies Internet, Kafka, Avantgarde-Küchen, Unterrichtsmaterialien zum ökologischen Rucksack (sprich: Ressourcenverbrauch),  Bomben-Entschärfer und Demenz miteinander zu tun? Wenig und zu gleich sehr viel. Denn sie finden sich alle in der Ausstellung zum Kölner Designpreis, der alljährlich an die besten studentischen Abschlussarbeiten aus Köln verliehen wird. weiter

Studiengang

KISD
Köln International School of Design

https://kisd.de