Menschen


Ein Herzens-Job

Gespräch mit Sebastian Gimmel, Preisträger des Wettbewerbs Kurzundschön



Ihr KHM-Diplomfilm approaching the puddle wurde bei dem Wettbewerb Kurzundschön als „bester Experimentalfilm“ ausgezeichnet. Herzlichen Glückwunsch!

Sebastian Gimmel: Danke!

Kurzundschön ist nicht der einzige Wettbewerb, das einzige Festival, wo der Film läuft, vorher war er in Köln z.B. auch bei Filmplus zu sehen?

Filmfestivals sind ein super Abschluss für so ein langes Projekt.

Sebastian Gimmel: Insgesamt lief er auf fast 30 Festivals! Bei Filmplus war er für den besten Schnitt nominiert. Das ist schon verrückt, mit so viel Resonanz habe ich nicht gerechnet. Filmfestivals sind ein super Abschluss für so ein langes Projekt – das Feedback, wenn man mit dem Publikum redet, wenn man sich mit Filmemachern austauscht.

Gibt es überraschende Reaktionen?

Sebastian Gimmel: Naja, die Handlung ist nicht so kompliziert, da gibt es kaum unerwartete Fragen. Es geht meist in die Richtung: Wie war die Arbeit mit der Tänzerin? Wie funktionieren die Effekte? Ah, aber die Leute sind sich uneinig über die kleinen Gummistiefel, das find ich gut.

approaching the puddle





Bei „approaching the puddle“ tanzt eine Frau mit gelben Gummistiefeln, um und mit Pfützen. Wie ist die Idee überhaupt entstanden? Gelbe Gummistiefel und Pfützen und zeitgenössischer Tanz liegen ja nicht unbedingt auf der Hand.

Sebastian Gimmel: Da sind viele Ideen zusammengetroffen. Eine Verbindung besteht zum Beispiel in der Frage: Was ist Tanz? Wo fängt Tanz an? Wo hört er auf? Ist einfaches die Straße entlanglaufen schon Tanz? Ist um die Pfützen herumlaufen schon Tanz? Das Verhalten der Tänzerin im Film kann man als Zeitverschwendung ansehen. Aber sie macht währenddessen auch eine Lernerfahrung – vom unwissenden Laien zum Profi. Sie bildet sich selber aus.

Zur Profi-Pfützen-Tänzerin?

Man muss das beim sehen nicht erkennen, es geht mir vor allem darum, dass ich ein Gerüst habe.

Sebastian Gimmel: In der Lernpsychologie gibt es eine Kurve für das Erfahrungslevel. Das fängt mit einem Status Quo und Neugier an. Wenn man Dinge lernt, steigt die Kurve langsam. Dann gibt es zwischendurch Phasen der Verwirrung, des Scheiterns, es gibt Einbrüche. Man probiert trotzdem weiter und am Ende ist man irgendwann Profi. Man beherrscht die Materie und kann mit seinem Leben fortfahren. Quasi wieder auf Level Null.  Dieser Lernkurve folgt die Dramaturgie und die Dynamik des Films. Das ist die Konstruktion. Man muss das beim sehen nicht erkennen, es geht mir vor allem darum, dass ich ein Gerüst habe. Dass man spürt, dass der Film einer Sprache, gewissen Regeln folgt.

Der Film zeigt ja auch das Ungewöhnliche im Alltag. Jede hat schon Kinder beobachtet, die mit Pfützen spielen. Aber das steigert sich hier in eine artifizielle Form, in eine Choreographie?

In banalen Alltagssituationen ist eine gewisse Poesie zu finden. Das ist vielleicht ein Grundthema.

Sebastian Gimmel: In banalen Alltagssituationen ist eine gewisse Poesie zu finden. Das ist vielleicht ein Grundthema. Auch bei meinem ersten Diplom sind einfache Ausgangssituationen die Basis für unerwartete Entdeckungen.

Ihr erstes Diplom-Studium war Design?

Sebastian Gimmel: Ich habe Kommunikationsdesign an der bergischen Universität in Wuppertal studiert. Mein Diplomthema war ‚Bist Du ein Forscher?‘ datamilch.de/data_2/bist-du-ein-forscher/. Es ging um Nachwuchsförderung in naturwissenschaftlichen Berufen. Dabei sind vier 20sekündige animierte Spots entstanden.

War Ihnen im ersten Studium von Anfang an klar, dass Sie in die Animationsrichtung gehen wollen?

Bei einem Animationsfilmkurs habe ich das erste Mal mit 3D gearbeitet und bin bei der Animation geblieben.

Sebastian Gimmel: Nein, das ist während des Studiums in Wuppertal entstanden. Nach der Schule gab es die Idee Physik-Grundlagenforschung zu studieren. Ich kann aber auch ganz gut zeichnen und habe dann überlegt, Architekt oder Bauingenieur zu werden. Letztendlich habe ich begonnen, Kommunikationsdesign zu studieren und mich zunächst auf Typografie und Layout konzentriert. Bei einem Animationsfilmkurs habe ich dann das erste Mal mit 3D gearbeitet und bin seitdem bei der Animation geblieben. Ich dachte aber nie, dass ich Animationsfilme machen würde. Nach dem Studium bin ich in die Motion Graphics-Richtung gegangen und habe erst mal als Freelancer gearbeitet. Zum Beispiel für TV-Sender.

Sie haben an etwa bei Trailern http://datamilch.de/data_2/kurzschluss-arte/ mitgearbeitet?

Sebastian Gimmel: Genau. Diese Arbeiten würde ich noch nicht als Filmemachen bezeichnen. Denn da gab es nur selten wirkliche Inhalte oder Geschichten.

Es ist eher Handwerk?

Dinge ästhetisch zu inszenieren ist nicht einfach und absolut eine Herausforderung.

Sebastian Gimmel: Es ist wie ein eigenes Genre. Dinge ästhetisch zu inszenieren ist nicht einfach und absolut eine Herausforderung. Mir fehlte dabei aber oft ein Inhalt. Nach einem Jahr als Freelancer habe ich gedacht: da muss noch was gehen. Und ich habe mich ziemlich spontan an der KHM beworben, um noch mal über den Tellerrand zu gucken.

An der KHM absolvierte Sie ein postgraduales Diplom-Studium „Mediale Künste“. Dabei ging es darum, eine eigene künstlerische Handschrift zu entwickeln?

Sebastian Gimmel: Bei Kommunikationsdesign arbeitet man als Dienstleister. Das ist super und es macht mir Spaß Probleme zu lösen. Aber im Studium bedeutete das immer auch, dass eine Idee auf irgendeine Weise eine wirtschaftliche Anbindung haben sollte – egal wie experimentell sie war. Deshalb hatte ich nie eine Geschichte um der Geschichte willen erzählt. An der KHM ist schon das grundständige Studium relativ frei. Die KHM ist an sich auf Freiheit angelegt. Das hatte ich in dem Ausmaß nicht erwartet und ich musste erst mal lernen damit umzugehen. Ich finde das aber im Nachhinein sehr gut. Man hat viel Raum, Zeit und Unterstützung um Ideen zu entwickeln.

Es geht nicht um Auftragskommunikation?

Die Linie war immer: Wenn Du eine Idee hast, denk nicht gleich an das Publikum.

Sebastian Gimmel: Die Linie war immer: Wenn Du eine Idee hast, denk nicht gleich an das Publikum. Denke nicht daran, wo Du damit Geld verdienen kannst. Sondern mache erst mal Deine Idee „rund“. Guck erst, dass die Idee funktioniert. Wir konnten also sehr künstlerisch damit umgehen.

Bei dem ursprünglichen Studieninteresse Physik, Architektur geht es ja eher es um sehr technische Themen. Ist Animation da das Beste aus beiden Welten? Es hat den technischen Aspekt und gleichzeitig den gestalterischen.

Sebastian Gimmel: Mein Vorteil ist, dass ich mich ziemlich schnell in Software einarbeiten kann. Ich sehe das nie als Problem oder als Hindernis. Bei neuen Programmen lasse ich mich in der Arbeit nicht von den technischen Begrenzungen aufhalten. Und ich habe trotzdem einen Sinn für Gestaltung und wie man Dinge erzählt. Es ist ja oft so, dass die Leute sich eher für das Eine oder das Andere interessieren. Ich habe Glück, dass ich beide Aspekte mag.

In der Beschreibung der ersten Diplomarbeit ‚Bist Du ein Forscher“ steht sehr programmatisch: „Dafür ist es wichtig, dass jeder Mensch in seiner Kindheit auf etwas stößt, dass ihn sein Leben lang begeistert.“ Ist die Technik so ein Thema, das mit verschiedenen Wandlungen immer noch Interesse hervorruft?

Sebastian Gimmel: Ich würde es nicht unbedingt Technik nennen. Aber es ist eine  Grundneugier. Wenn ich Zeitschriften über Grundlagenphysik oder Astronomie kaufe, will ich gerne verstehen, wie die Sachen funktionieren. Das ist das Interesse. Es muss nicht zwangsläufig Technik sein. Es geht darum, die Welt zu verstehen, wie sie funktioniert – ob naturwissenschaftlich, soziologisch oder choreographisch. Wie ist es mit Gummistiefeln zu tanzen? Für die Choreographie hatte ich mir dann auch ein kleines mathematisches Gerüst gebaut, wie ich mit Bewegungen arbeite und sie neu kombiniere.

Die Dramaturgie: vom einfachen Ausprobieren, ins Kompliziertere, in die Varianten wird dann zum naturwissenschaftliches Experiment. .. Wie geht es jetzt weiter nach dem Diplom? Jetzt  kommen erst einmal die Festivals. Werden Sie dann wieder als Freelancer arbeiten? Oder muss man sich nach so einer Lernphase erst neu sortieren?

Sebastian Gimmel: Gute Frage. Es gibt schon so ein paar Pläne. Der Job als Freelancer wird auf jeden Fall bleiben, aber ich werde versuchen Teilzeit zu arbeiten. Das heißt, ein paar Monate ordentlich durcharbeiten und sich dann ein paar Monate frei nehmen, um an eigenen Projekten zu arbeiten. 50:50 das wäre toll. Seine Job-Jobs und seine Herzens-Jobs.

Die Brotarbeit und die kreative freien Arbeit?

Ich war nie davon ausgegangen, mit den eigenen Ideen Geld zu verdienen.

Sebastian Gimmel: Ich war nie davon ausgegangen, mit den eigenen Ideen Geld zu verdienen oder davon zu leben, weil die meist in eine experimentelle Richtung gehen. Das ändert sich gerade ein wenig. Auf der einen Seite ist es recht spannend an fremden Filmen mit zu arbeiten. Helfen gute Ideen ‚rund’ zu machen. Postproduktion, VFX & Titledesign aber eben auch inhaltlich zum Beispiel bei Schnitt und Dramaturgie.
Auf der anderen Seite steht da der eigene Film, der gerade super ankommt bei den Festivals. Und inzwischen scheint es auch, als hätte ich Anspruch auf eine Referenzfilmförderung der FFA, das sind ganz neue Perspektiven.

Das heißt, dass der Diplom-Film öffnet in verschiedener Hinsicht neue Türen. Nicht nur in den Beruf hinein sondern auch, um andere Projekte realisieren zu können. Wann wird sich da etwas entscheiden?

Sebastian Gimmel: Im neuen Jahr. Ich muss erst mal Zeit und Ruhe finden, mich um das neue Projekt zu kümmern. Das ist eine sehr schöne neue Perspektive. Keine Ahnung, wo das alles noch hinführt. Das Thema Tanz wird mich sicher noch eine Weile begleiten. Den kommenden Film würde ich zumindest choreographisch nennen.

Dann ein in diesem Sinne erfolgreiches 2016. Vielen Dank!

Das Gespräch führte Anne Schulz, Medienkarriere.NRW


Links

approaching—the—puddle

www.approachingthepuddle.de

Kunsthochschule für Medien Köln

www.khm.de